Sie befinden sich hier: Startseite - Über WALTER & TÖCHTER Consult - Bücher - Europa

Norbert Walter: Europa - Warum unser Kontinent es wert ist, dass wir um ihn kämpfen


Europa - (m)eine Liebeserklärung

Europa war mir immer ein Anliegen für Herz und Verstand. Vernunft und Glaube (in dieser Reihenfolge) sind notwendig, um mit dem Kontinent richtig umzugehen. Das gilt im Herbst 2011 in ganz dramatischer und dringender Weise. In Athen, aber nicht nur da, entscheidet sich das Schicksal Europas. Die Parlamente, die Regierungen, die Verfassungsgerichte sind mit Ereignissen, Entwicklungen und Herausforderungen befasst, die in ihrer Bedeutung über das meiste, was seit dem 2. Weltkrieg zu entscheiden war, hinausgehen. Es geht um existenzielle Fragen.

Was uns in dieser Diskussion fehlt, ist die überwölbende Zustimmung zum Projekt Europa. Kaum jemand wagt es, die Sache Europa zu seiner Sache zu machen. Die Amerikaner würden sagen: „The project Europe lacks ownership“. Deshalb habe ich jetzt mein Europabuch geschrieben. Es ist meine Liebeserklärung an Europa, in der ich versuche, meinen Mitbürgern zu verdeutlichen, warum ich so engagiert für Europa bin.

Die institutionelle Entwicklung Europas über die nationalen Ansätze hinaus liegt mir sehr am Herzen. Deshalb lautet mein Vorschlag für eine politische Union: Die kantonale, föderale Verfassung der Schweiz als Blaupause für die Vereinigten Staaten von Europa zu wählen. Die Schweiz hat vier Sprachen, viele Kantone, eine Währung und einen Bund in Bern mit begrenzten Kompetenzen, aber auch mit eigener, begrenzter fiskalischer Kompetenz. Das ist es, was mit der Reform des Europäischen Vertrages angestrebt werden sollte.

Ich wünsche mir, dass die Bürger Europas wie Cicero eine doppelte Identität empfinden sollten („Ich liebe meine Heimat Apulien und bin ein stolzer Bürger Roms.“). Wir können beispielsweise stolz darauf sein, dass unser Kontinent dem Thema Energie(effizienz) und Umweltschutz besondere Aufmerksamkeit schenkt und für sich und den Globus beachtliche Antworten bereits gefunden hat. In einer projektwirtschaftlichen Zusammenarbeit auf diesen Feldern liegen Zukunftsmärkte und damit Jobs und Europas Verantwortung. Wir werden hier international aber nur dann weiterkommen, wenn wir im Wettstreit mit Amerikanern und Chinesen mit einer europäischen Stimme auftreten.

Denkt man an die Fülle der Aufgaben, die auf uns warten, dann bereitet einem die Alterungs- und Schrumpfungsperspektive vieler europäischer Gesellschaften tiefe Sorge. Aber aus jeder Sackgasse gibt es einen Ausweg! Die verfügbaren Stellschrauben (ob sie auch gängig sind, ist nicht ganz so sicher) sind zahlreich und qualitativ durchaus respektabel. Wenn wir Europäer uns alle an den europäischen Bestmarken ausrichten - bei der Beschäftigung der Frauen (an Frankreich), bei der Beschäftigung Älterer (an der Schweiz), beim Urlaub (20 statt 30 Tage wie in Deutschland) - dann können wir ein beachtliches Potential mindestens für eine Dekade mobilisieren. Anfangen sollten wir Deutschen mit einer Verschiebung der Emeritierung von Professoren für 5 Jahre (zur Akkommodation der erhöhten Studentenzahlen wegen G8 und anderer Sachverhalte) und mit einer Weiterbildungsinitiative für Ingenieure aus dem Nachkriegsbabyboom verbunden mit der Verpflichtung mindestens 5 Jahre länger zu arbeiten. Auf geht’s, Europa!

Europa - Warum unser Kontinent es wert ist, dass wir um ihn kämpfen

erschienen im Campus Verlag, 2011

Kaufen Sie das Buch jetzt gleich online!

Buchrezension durch Gillian Tett in der Financial Times